Ach Wien

Seit ich beschlossen habe aus Wien wegzuziehen, finde ich meinen Frieden mit der Stadt. Ich kann es wieder genießen, morgens von Hufgeklapper auf dem Kopfsteinpflaster aufgeweckt zu werden und freue mich über ein jedes „Wiederschaun“ das mir im Supermarkt entgegengeplärrt wird. Warte ich abends im Museumsquartier auf die anderen, so möchte ich seufzen und bin, wenn sie endlich da sind, geneigt zu sagen: So schön wie hier ist es selten woanders. Aber ich sage es dann doch nicht, umarme stattdessen Menschen, gehe ihnen voran in eines meiner Lieblingscafés und freue mich ungemein, als die Menschen sagen: This might get one of my favourite places.

Fahre ich nachts durch das Burgtor in den ersten Bezirk, dann ist die Wehmut da. Der Heldenplatz, der in der Nacht fast dunkel vor einem liegt und über den man so oft gegangen ist, im Frühjahr, im Sommer, im Herbst und im Winter, auf dem man Eis gegessen, gelacht, auf Gebäude gezeigt, auf Denkmälern gesessen, geküsst hat, dieser Heldenplatz den man immer lieber stadteinwärts überquert als stadtauswärts und über den man das allererste Referat an der Universität gehalten hat, welches einem dann gleich eine der besten Freudinnen, die man sich vorstellen kann, bescherte, das Überqueren dieses Platzes wird einem ebenso fehlen, wie das Vanilleeis am Hohen Markt und das mittägliche Fahren über den Karlsplatz, wo immer ein Ziehharmonikaspieler zu viel sitzt.

Wien ist gut für die Melancholie und die Melancholie ist etwas, das man ab und zu braucht. Keine Ausrede ist nötig, wenn man sich in dieser Stadt einmal mehr nach einem Wochenende auf dem Sofa voller Sehnsucht nach der anderen Welt, aber doch unfähig die eigenen vier Wände zu verlassen, fühlt. Nirgendwo lässt es sich schöner durch das Laub spazieren, wie im Augarten, wo die Krähen auf den Mauern sitzen und später ihre Runden um den Flakturm fliegen. Und nirgendwo ist es legitimer Texte zu schreiben, wie diesen hier und dabei genau zu wissen, dass einem all dies fehlen wird, ist man anderswo.

Denn das ist ja das Problem: Wien ist eine Stadt in die man zurückkommen will, aber das geht natürlich nur wenn man weg ist und wenn man weg ist, dann hat das seine Gründe und einer der wichtigsten war wohl Wien. Die alte Kaiserstadt, die einen doch nie loslässt, mit ihren hohen Decken, ihren steinernen Stiegenhäusern und dem Klingeln in der Straßenbahn.

Es ist ein Jahr her, dass ich hier nur zurückkam um wieder zu gehen. Ich war von der Idee besessen, nur meine sieben Sachen zu packen und wieder abzuhauen, weil es mir woanders besser erschien. Aber so ist es nun mal mit diesen Vorstellungen und diesen Plänen: Sie funktionieren selten. Und so packte ich zwar meine sieben Sachen, aber packte sie 13 Bezirke niedriger auch schon wieder aus und packte sie drei Monate später wieder ein und schließlich unweit des Stephansdom aus, in diesen kalten Zimmern, in denen man die Füße am Kachelofen wärmte und Kaffee und Wein trank mit dem einen oder anderen, während man am Fenster stand und auf die Touristen blickte, auf die Büromenschen, auf die polierten Autodächer in denen sich das Weite spiegelte, ohne dass es jemand wusste, außer mir.

Ich wurde heute geweckt von den Lärm der Antiquitätenhändler, die vor meiner Schlafzimmertür versuchten den Preis für die Möbel möglichst tief zu halten. Ich lag dann im Bett und starrte an die Decke und mir wurde bewusst, dass ich eigentlich anfangen könnte die Tage zu zählen, die ich in diesem Bett noch aufwachen werde. Ich erinnerte mich, wie es sich anfangs fremd anfühlte, die schweren Fensterläden abends zu schließen und wie ich gefroren habe bis weit in den März hinein.Und dann war plötzlich der Sommer da und die Fenster weit offen und das Holz wurde hinter die Tür geschoben, wo es immer noch aufgestapelt liegt, bis es wer abholt oder bis jemand sich erbarmt es alles zu verheizen.

Ich habe die Tage dann doch nicht gezählt, aber es ist weniger als ein Monat, weniger Wochen als ich Finger an der Hand habe und weniger Tage als ich Jahre zähle. Und ich möchte: Wien! ausrufen. Ach Wien! Und dann zweimal in meiner Tasse Kaffee umrühren und vom Buttercroissant abbeißen und dabei wissen, dass das schon so passt und sich alles ausgehen wird, das Wandern durch den Lainzer Tiergarten, das Fahren mit dem Kettenkarussell, das Schwimmen im Jörgerbad, das Foto vor dem großen Teich, meine Sehnsucht und mein Fernweh, die Lesung und die Konzerte, all die ungesagten Wörter, noch mindestens ein Zwetschkenkuchen, das Aussortieren der alten Kleidung, einmal die Donauinsel rauf und runter fahren, viel Kaffee mit A. und S. und D. und K. und F. und T. und R. und C. und M. und U. und , nocheinmal ins Naturhistorische Museum gehen, bis Seite 65 kommen, die Postkarte wegschicken, vielleicht auch ein Heidelbeerkuchen, vielleicht ein weiterer Tiramisuabend, vielleicht noch eine Tafel Schokolade, vielleicht noch einmal Püree beim Wratschko, vielleicht noch einmal Fensterputzen, vielleicht noch einmal auf den Kahlenberg, vielleicht das Buch fertiglesen, vielleicht endlich zur Ruhe kommen, vielleicht aber auch nicht.

Ach Wien.

2 Gedanken zu “Ach Wien

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