Once III

Once I woke up and had a pet. It was a mouse that didnt have a name and never wanted one. I put it in a small cage and showed her the neighbourhood, she stayed at the park but promised to come back. She never did.
My hair was short back then. It was short and I wondered how long I have to wait till it finally reaches my shoulders.
I thought at least two years. I was totally wrong.

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Ein wenig Herbst

Seit einer Woche ist der Sommer vorbei. M. und ich saßen in den Ottakringer Weinbergen und tranken den ersten Schluck Sturm des Jahres. Kurz darauf kamen A. und S. zurück zum Tisch, wir aßen Kümmelbraten und trugen Hauben. Da hat das offiziell angefangen mit dem Herbst.

S. lebt in einem Haus, in dem früher seine Großeltern gewohnt haben, ein wenig ist das wie bei mir, nur dass ich in einer Wohnung fremder Großeltern wohne, aber ihre frühere Anwesenheit spürt man bei jedem Schritt. Die fremden Großeltern sind schon Jahre tot, aber hinter den Öltanks liegen noch die Programmhefte der Staatsoper von 1997, im Alibert finden sich ungebrauchte alte Rasierklingen und der Wasserkrug, den ich oft benützte, war anscheinend der ihre.

Ich bin alleine mit den Dingen dieser alten Menschen. Seit einer Woche bin ich das schon und plötzlich wirkt die Wohnung noch ein wenig größer. In den Zimmern stapeln sich entweder die Dinge, die entsorgt werden sollen oder sie sind vollkommen leer. Nur die Kronleuchter hängen noch da, als hätten sie es nicht mitbekommen, dass hier bald etwas zu Ende geht oder als wäre es ihnen egal. Ich schalte sie ein und schalte sie wieder aus. Ich sitze auf diversen Fensterbänken. Ich schließe und öffne die Türen. Nie hat mir jemand erzählt, wie unheimlich es sich anfühlt, wenn alle Türen die zu diesem Schlafzimmer führen geöffnet sind.

Die Menschen kommen vorbei. Alle wollen sie noch einmal aus den Fenstern blicken oder noch einen Kaffee trinken, noch einmal das Bleiglas im Gang berühren oder in den goldenen Spiegel schauen. Ich gehe einen Schritt hinter diesen Menschen nach und wünsche mir, dass wir einfach alle stehenbleiben könnten, nur noch ein paar Wochen, oder Monate oder den ganzen Winter. Vielleicht fühlt sich dann alles besser an. Und es ist plötzlich richtig, diese Wände hinter sich zu lassen, wenn auch nur ein wenig, das wäre schön.

Im Moment aber frisst ein seltsames Gefühl ein Loch in den Bauch, denkt man an den baldigen Auszug. Das Gefühl kommt von innen und manchmal lässt es mich nachts aufwachen und ich höre dann dem Boden zu, wie er knarzt und kracht. Ich habe wieder eine Taschenlampe im Nachttisch liegen und ich gehe Gespenster suchen, die ich aber nicht finde.

Am nächsten Tag ist dann Besuch aus Berlin da und wir wandeln alle durch die Räume und nach dem Kochen waschen wir nicht mehr ab, sondern schmeissen die Auflaufform in den Müll. Ich denke: Das ist Dekadenz. Aber das denke ich nur kurz und gehe dann zurück in mein Wohnzimmer, wo ich D. das Holz reiche und er ein letztes Mal den Kachelofen einheizt und später seine Hand auf meinen Rücken legt, woraufhin ich mit den Schultern zucke und die Stunden einem immer noch durch die Finger rinnen.

Abends spielt Mary dann ein Konzert in einem der leeren Zimmer. Die Leute strömen zur Tür herein und trinken Wein und Bier. Sie sitzen auf dem Boden und sie verschwinden in den Zimmern. Vierzig Menschen und doch ist ein jeder alleine, wenn er es will. Das ist ein Glück, hier gewohnt haben zu dürfen, sagt jemand. Und ich denke mir, dass diese Person eine Weisheit besitzt, die ich noch nicht kenne.

Morgens steht Mary dann im Zimmer und sagt, dass wir aufstehen müssen, es wäre Zeit zum Frühstücken. Der Kaffee schmeckt bitter an diesen Tag und die Füße sind kalt. Nur wenige Stunden später fährt der Besuch und statt ihm sind zwei Männer in der Wohnung, die die Ölöfen mitnehmen und die dazugehörigen Tanks. Die Männer schnauben und machen komische Witze. Ich sitze in einer der Ecken und schaue ihnen zu.

Und dann ist schon wieder Wochenende, das letzte das ich hier verbringe. Würde ich wollen, könnte ich ohne Probleme eine mehrseitige Liste machen, von Dingen, die ich in dieser Wohnung noch machen sollte. Aber ich fühle mich dafür zu müde und weiß, es macht es auch nicht einfacher. Stattdessen denke ich an Montag, an das letzte Konzert und an meine Lesung, die hier noch stattfinden wird, an all die Leute, die ihr Kommen angesagt haben und daran, dass soviel neues wartet, in all diesen Städten die bald kommen.

Ich denke auch an Brahms, der früher einmal in der Wohnung über dieser wohnte und ich denke an die Moleküle, die vielleicht immer noch im Stiegenhaus herumflirren, gemeinsam mit denen der fremden Großeltern und gemeinsam mit meinen. Es ist eine tröstliche Vorstellung, es lässt mich tief ein- und ausatmen und dann die Schuhe nochmals enger schnüren, die Türe ins Schloss fallen und kurz die Augen schließen. In diesen Momenten hätte ich gerne Riesenhände, in denen ich mich selbst halten könnte und ein wenig wiegen. Ich glaube, Brahms fände das auch nicht verkehrt. Ich bin mir sogar ziemlich sicher.

Und das Alleinsein

[…] Und das Alleinsein
ist lächerlich wie eine umgekippte Haushaltsdekoration,
die über Nacht in einem Schaufenster zusammengebrochen
ist. Und das Alleinsein ist lächerlich wie ein Foto

aus den Ferien, wo ein sommerlicher Schuh allein
auf der weiten Fläche eines leeren Strandes
liegt, an Land geworfen, umgekippt, wenn der Strand
schön und einfach leer geworden ist. Und der Schuh

scheint, als habe sich um ihn die ganze weite leere
Zeit konzentriert. Das ist nicht fürchterlich. Das
ist einfach nur’n Schuh. Und das Alleinsein ist,
wie es scheint, wie eine Reklamesendung, die

durchgelesen wird. Und das Alleinsein ist, wie
es scheint, ein solcher Morgen voller Lärm.
Und das Alleinsein in kein Muskelkater,
wenn man aufwacht. Und das Alleinsein ist

wie das Lächeln auf einem Foto, das in einem
Fotoautomaten gemacht worden ist, in dem man
hinter grauen Gardinen auf einem Drehstuhl
sitzt und vier Mal für zwei Mark in den Fotoblitz

lächelt, und Alleinsein ist wie ein Kinderzahn,
der in einem Pappschächtelchen aufbewahrt wird zur
Erinnerung, wie ich einmal gesehen habe, sich
zu erinnern, sich für immer zu erinnern, für später.

Alleinsein ist wie Gas, das ausströmt. Alleinsein
ist wie mitten am Tag das Zimmerlicht anzuschalten.
Alleinsein ist wie im Badezimmerspiegel sein eigenes
Gesicht anzustarren. Alleinsein ist lächerlich wie

ein Vergleich. Und Alleinsein ist wie ein stinkendes
Motorrad im Hausflur. Und Alleinsein ist wie eine
überfüllte Mülltonne, in die nichts mehr reinpasst,
und Alleinsein ist nicht einmal wie eine Zwiebel,

die geschält wird und die Tränen kommen. Alleinsein
ist wie die Redewendung „aber wirklich.“
Alleinsein ist wie die Wut, wenn einer fragt, „verstehste?“

Und Alleinsein ist kein Gedicht, das keinen Titel hat.
Und Alleinsein ist wie die Frage, was tue ich Montag.

(© Rolf Dieter Brinkmann)

— Mehr als 35 Jahre ist es her, dass Brinkmann das Auto nicht kommen sah, auf dem Weg von einem Pub in das nächste und das Auto ihn erfasste und er starb. Mehr als 35 Jahre und noch immer ist es traurig, dass dieser Mensch keine Zeit mehr hatte sovieles mehr zu schreiben. Wenigstens noch einen Satz oder ein Gedicht, wenigstens noch drei Wörter in der richtigen Kombination, wenigstens noch einen schlecht leserlichen Brief.

Der traurige Name

Ich glaube, ich habe von dir geträumt. Du standest in einem Zimmer, mit einem grauen Mantel an, vor dir saßen Männer, die dich anstarrten und du hattest deine Haare kurz geschoren auf der linken Seite des Kopfes.
Als ich aufwachte waren es noch drei Minuten bis zum Klingeln des Weckers, ich beschloss solange an dich zu denken, die Augen noch nicht zu öffnen und zu verstehen, wo du warst, all die letzten Monate.

Lilo hat ein Kind geboren, das solltest du wissen. Ein Mädchen, groß und stark, sie nannte es nach dir. Letztens als ich sie besuchte, da weinte das Mädchen im Hintergrund, es weinte und du warst nicht da. Lilo und ich haben nicht über dich gesprochen, auch dieses Mal nicht. Lilo seufzt öfters in letzter Zeit, ich schweige viel. Das Mädchen wächst und entwickelt sich rasend schnell. Als es auf die Welt kam war der Winter längst vorbei, in den Nächten hört man ihn nun wieder kommen. Lilo sagt, sie möchte Eislaufen gehen, sobald es richtig kalt wäre. Sie trägt das Mädchen in einem Tragetuch, da würde das schon gehen. Das ist zu gefährlich, erkläre ich ihr. Lilo sagt dann nicht mehr viel und ich nehme den nächsten Bus zurück in die Stadt.

Ich möchte, dass wir alle geduldiger werden. Werner verlegte einen zweiten Telefonanschluss kurz nachdem du gegangen bist. Er verlegte ihn in den oberen Stock und setzte sich neben den Apparat. Er meinte, du würdest so schneller wiederkommen, schneller anrufen und schneller einsehen, dass alles nicht so schlimm gewesen wäre. Lilo und ich haben ihn davon nicht abgehalten, manchmal stellt Lilo ihm eine Kanne Tee neben seinen Sessel, oft schläft Werner währenddessen, wenn er aufwacht, blickt er niemanden an, blickt aus dem Fenster und sagt: Dies war ein glücklicher Ort.

Am dritten Morgen nach deinem Verschwinden ging ich alleine durch die Stadt, die voller Hunde war. Ich kaufte einen Becher Kaffee, ich setzte mich in den Park. Ich saß dort geschlagene drei Stunden und wusste bereits nach wenigen Minuten, dass du nicht wiederkommst. Ich nahm die Straßenbahn nach Hause, eine Woche später öffnete ich die Tür und der Polizist sagte: Wir haben das Auto gefunden. Lilo hat ihre Hand auf den Mund geschlagen, wie sie es nur aus Filmen gelernt haben kann und gemeinsam folgten wir dem Polizisten, folgten seinen Schilderungen, standen vor deinem silbernen Ring mit dem grünen Stein und deiner Kette mit dem Kleeblatt. Ich habe genickt und zuhause mich neben Werner auf das Bett gesetzt ich habe gesagt: Weißt du, Werner. Und Werner hat mich ein letztes Mal angeschaut und gesagt: Alles was du sagst, ist eine Lüge.

Wir haben einen Teich ausgehoben im Garten, gleich hinter den Kirschbäumen, es ist nur ein kleiner Teich, vielleicht eher ein Biotop. Wir dachten daran Goldfische zu kaufen, Seerosen und Schilf. Die Goldfische überlebten die Seerosen eine Woche, das Schilf knickte bald darauf ein. Jetzt züchten wir Algen, wie Lilo resigniert am Telefon sagte, in einem Moment als das Mädchen gerade nicht weinte. Leise vernahm man Werners Schritte am Ende der Treppe.
In der Einzimmerwohnung, in der ich nun lebe, ist kein Platz für dich. Ich habe die Wände mit Filmplakaten beklebt, die Regale sind voller Bücher, in meinem Nachtkästchen liegen zwei Tafeln Schokolade und Zinktabletten. Das ist auch genug. Ich lebe bescheiden und bin nicht einsam. Manchmal gehe ich auf den Ostfriedhof, unweit meiner Wohnung und sehe den Leuten beim Trauern zu. Ich bin mir sicher einmal eine von ihnen zu werden, ich muss nur wie gesagt geduldig werden. So wie wir alle, wie Lilo und ihr Eislaufwunsch, das schreiende Mädchen mit dem traurigen Namen und Werner neben seinem Telefon.
In meinem Bett heute früh, als ich beschloss an dich zu denken, da erinnerte ich mich an deine trotzige Stimme, die du manchmal hattest und ich erinnere mich an deinen viel zu sanften Händedruck, der mir immer das Gefühl gab, ein Gespenst zu grüßen. Als ich mein Studium abschloss, saßt du in der dritten Reihe in einem gelben Kleid, später hast du mir Blumen überreicht, Lilo umklammerte deine Schultern und Werner sagte zu dir: Das nächste Mal stehst du da vorne. Wie so oft hast du nicht geantwortet und ich lächelte statt dir, ich verspürte eine Wehmut die mich überkam, sah ich dich zu lange an.
Es war ein Dienstag an dem du außer Haus gingst und nicht wiederkamst. Am Küchentisch standen rote Tulpen, Werner mähte den Rasen. Du gingst ohne ein Wort zu sagen, in deinem Zimmer hing dein schwarzer Pullover über dem Schreibtischsessel und die Vorhänge waren noch geschlossen. Wir aßen Spaghetti zu Mittag und wunderten uns nicht über deine Abwesenheit. Wir tranken Weißwein zu Abend und sprachen nicht über dich. Morgens warst du immer noch nicht da, Lilo rief die Polizei und Werner mähte wieder den Rasen. Er schwitzte viel und mittags aßen wir die Spaghetti vom Vortag. Wir rätselten welche Freunde von dir wir noch nicht angerufen hatten, ob du vielleicht ans Meer gefahren bist. Wir wussten bereits alle: Das wird nie wieder gut.

Als der Wecker schließlich läutete, stand ich rasch auf und duschte lange. Ich wusch meine Haare zweimal, ich benutzte das grüne Handtuch zum Abtrocknen. Als ich das Haus verließ, warst du bereits nicht mehr da. Ich aß eine Reiswaffel im Gehen, als an der Kreuzung die Ampel rot war, beschloss ich Lilo anzurufen. Lilo hob ab, nach dem dritten Läuten, sie freute sich ehrlich über den Klang meiner Stimme.

(Heute Nacht endete der Traum damit, dass ich ein Blatt Papier auf eine vorgefertigte Form legte, es passte nicht und ich begann zu weinen.)

Once II

Once I sat in a boat and rode through the canals of an old russian town. I sat opposite an old woman and her grandson who were talking russian in the most exciting way I’ve ever heard. The boy pointed at every building we drove by. The boy waved at every person that stood on the river-side. He was turning his head from the left to the right and back. There were a lot of buildings and people, you should know. The grandmother took a picture with a very old analog camera of one of the other boats that passed by. She took a picture of one of the churches we all saw. She refused to take a picture of her grandson who begged her to do so. He begged her innumerable times.

I stared at them and finally pulled out my camera. I looked through it at the boy and pulled the trigger. The boy looked at me and then started to wave at passersby again. Shortly afterwards the grandmother fell asleep. I looked at the picture, then at the sun.

The boy might be 12 now. His name might be Yurij. He might be a big fan of hockey. His grandmother might be still alive. He might be 15cm taller by now. The boy will never see this picture.

Ach Wien

Seit ich beschlossen habe aus Wien wegzuziehen, finde ich meinen Frieden mit der Stadt. Ich kann es wieder genießen, morgens von Hufgeklapper auf dem Kopfsteinpflaster aufgeweckt zu werden und freue mich über ein jedes „Wiederschaun“ das mir im Supermarkt entgegengeplärrt wird. Warte ich abends im Museumsquartier auf die anderen, so möchte ich seufzen und bin, wenn sie endlich da sind, geneigt zu sagen: So schön wie hier ist es selten woanders. Aber ich sage es dann doch nicht, umarme stattdessen Menschen, gehe ihnen voran in eines meiner Lieblingscafés und freue mich ungemein, als die Menschen sagen: This might get one of my favourite places.

Fahre ich nachts durch das Burgtor in den ersten Bezirk, dann ist die Wehmut da. Der Heldenplatz, der in der Nacht fast dunkel vor einem liegt und über den man so oft gegangen ist, im Frühjahr, im Sommer, im Herbst und im Winter, auf dem man Eis gegessen, gelacht, auf Gebäude gezeigt, auf Denkmälern gesessen, geküsst hat, dieser Heldenplatz den man immer lieber stadteinwärts überquert als stadtauswärts und über den man das allererste Referat an der Universität gehalten hat, welches einem dann gleich eine der besten Freudinnen, die man sich vorstellen kann, bescherte, das Überqueren dieses Platzes wird einem ebenso fehlen, wie das Vanilleeis am Hohen Markt und das mittägliche Fahren über den Karlsplatz, wo immer ein Ziehharmonikaspieler zu viel sitzt.

Wien ist gut für die Melancholie und die Melancholie ist etwas, das man ab und zu braucht. Keine Ausrede ist nötig, wenn man sich in dieser Stadt einmal mehr nach einem Wochenende auf dem Sofa voller Sehnsucht nach der anderen Welt, aber doch unfähig die eigenen vier Wände zu verlassen, fühlt. Nirgendwo lässt es sich schöner durch das Laub spazieren, wie im Augarten, wo die Krähen auf den Mauern sitzen und später ihre Runden um den Flakturm fliegen. Und nirgendwo ist es legitimer Texte zu schreiben, wie diesen hier und dabei genau zu wissen, dass einem all dies fehlen wird, ist man anderswo.

Denn das ist ja das Problem: Wien ist eine Stadt in die man zurückkommen will, aber das geht natürlich nur wenn man weg ist und wenn man weg ist, dann hat das seine Gründe und einer der wichtigsten war wohl Wien. Die alte Kaiserstadt, die einen doch nie loslässt, mit ihren hohen Decken, ihren steinernen Stiegenhäusern und dem Klingeln in der Straßenbahn.

Es ist ein Jahr her, dass ich hier nur zurückkam um wieder zu gehen. Ich war von der Idee besessen, nur meine sieben Sachen zu packen und wieder abzuhauen, weil es mir woanders besser erschien. Aber so ist es nun mal mit diesen Vorstellungen und diesen Plänen: Sie funktionieren selten. Und so packte ich zwar meine sieben Sachen, aber packte sie 13 Bezirke niedriger auch schon wieder aus und packte sie drei Monate später wieder ein und schließlich unweit des Stephansdom aus, in diesen kalten Zimmern, in denen man die Füße am Kachelofen wärmte und Kaffee und Wein trank mit dem einen oder anderen, während man am Fenster stand und auf die Touristen blickte, auf die Büromenschen, auf die polierten Autodächer in denen sich das Weite spiegelte, ohne dass es jemand wusste, außer mir.

Ich wurde heute geweckt von den Lärm der Antiquitätenhändler, die vor meiner Schlafzimmertür versuchten den Preis für die Möbel möglichst tief zu halten. Ich lag dann im Bett und starrte an die Decke und mir wurde bewusst, dass ich eigentlich anfangen könnte die Tage zu zählen, die ich in diesem Bett noch aufwachen werde. Ich erinnerte mich, wie es sich anfangs fremd anfühlte, die schweren Fensterläden abends zu schließen und wie ich gefroren habe bis weit in den März hinein.Und dann war plötzlich der Sommer da und die Fenster weit offen und das Holz wurde hinter die Tür geschoben, wo es immer noch aufgestapelt liegt, bis es wer abholt oder bis jemand sich erbarmt es alles zu verheizen.

Ich habe die Tage dann doch nicht gezählt, aber es ist weniger als ein Monat, weniger Wochen als ich Finger an der Hand habe und weniger Tage als ich Jahre zähle. Und ich möchte: Wien! ausrufen. Ach Wien! Und dann zweimal in meiner Tasse Kaffee umrühren und vom Buttercroissant abbeißen und dabei wissen, dass das schon so passt und sich alles ausgehen wird, das Wandern durch den Lainzer Tiergarten, das Fahren mit dem Kettenkarussell, das Schwimmen im Jörgerbad, das Foto vor dem großen Teich, meine Sehnsucht und mein Fernweh, die Lesung und die Konzerte, all die ungesagten Wörter, noch mindestens ein Zwetschkenkuchen, das Aussortieren der alten Kleidung, einmal die Donauinsel rauf und runter fahren, viel Kaffee mit A. und S. und D. und K. und F. und T. und R. und C. und M. und U. und , nocheinmal ins Naturhistorische Museum gehen, bis Seite 65 kommen, die Postkarte wegschicken, vielleicht auch ein Heidelbeerkuchen, vielleicht ein weiterer Tiramisuabend, vielleicht noch eine Tafel Schokolade, vielleicht noch einmal Püree beim Wratschko, vielleicht noch einmal Fensterputzen, vielleicht noch einmal auf den Kahlenberg, vielleicht das Buch fertiglesen, vielleicht endlich zur Ruhe kommen, vielleicht aber auch nicht.

Ach Wien.