Berlin dein Gesicht hat immer noch Sommersprossen

In Berlin sind es zum Beispiel Bäume am Wegesrand, die einen auch in der Nacht nicht alleine lassen. Sie stehen einfach da in einer Anzahl, der man sich nie so ganz bewusst wird, sie stehen da und lassen einen vorbeiziehen, hin zum Wasser, wo ein Boot wartet, hin zu der Bahn, die längst wieder fährt, hin zu dem Haus, in dem man das Licht erst anmacht, wenn die Schuhe bereits in Reih und Glied stehen.
Auch sind es die Treppenhäuser, in denen ein Teppich liegt, als wäre es seine Bestimmung, die am Morgen immer noch da sind. Man kennt sie aus vergangenen Kindheitstagen, man kennt sie und die Schürfwunden, die sie an den Oberschenkeln hinterließen, wenn der kindliche Übermut einen einmal wieder überkam. In diesen Treppenhäusern riecht es nach nichts, an das man sich später erinnern kann und im ersten Stock wohnt ein Mann, der einmal einen Wasserschaden an der Decke hatte. Im zweiten Stock ist das schon nicht mehr wahr.
Man kann gut in Zügen sitzen und die Stationen zählen, man kann zu der einen oder anderen etwas erzählen. Man ist in der Tat erstaunt, dass das Leben nach manchen weitergeht, dass man auch zwei Stationen länger sitzen bleiben kann und trotzdem ist dort etwas, das einen erwartet. Manchmal ist dieses etwas ein jemand und manchmal ist es nur eine Ampel, die auf grün springt im richtigen Moment.
An diesen Ampeln, die einem nicht zublinzeln, so wie man es gewohnt ist, da stehen Menschen neben einem und auf der anderen Seite der Straße beginnt der Wind zu wehen, für die wenigen Sekunden, die es dauert, bis man um die Ecke gegangen ist. In diesen Sekunden fallen anderswo Teetassen von einem Tablett und eine Frau, die schon viel  zu lange schläft, dreht sich ein weiteres mal um. Sie träumt vielleicht von einem Gewitter, vielleicht auch von der Nacht. Wenn sie schließlich aufwacht, ist es viel zu spät, um noch zu diesem Treffen zu gehen, das auch ohne sie stattgefunden hat, nur eben anders.

Berlin bringt mir bei, mich wieder zu wundern. Es tippt mir auf die Schulter in den richtigen Momenten und ist auch noch da, wenn vor dem Fenster bereits der Regen in Dresden gegen das Fenster klopft. In Berlin steht der Morgennebel kniehoch an den richtigen Stellen und im hochgewachsenen Gras dösen die Dinosaurier, zu denen man es nicht geschafft hat, aber an die man trotzdem glaubt. Aus dem Nichts erscheint eine Frau mit zwei Hunden und ich blicke zu D., der geradeaus blickt und denke mir: Das alles ist wahr.

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Good Days

Manchmal sind sie einfach so da, die guten Tage. Menschen schlafen in meinem Wohnzimmer, sie sind da, wenn ich in der Früh zum Unterricht fahre und zu Mittag steht dann nochmals Besuch vor der Tür. Besuch der das schönste niederbayrisch spricht und die Wohnung so fotografiert, wie sie vielleicht tatsächlich ist. (http://zhartbewegt.tumblr.com/).

Und plötzlich macht es wirklich Sinn ein Bild von dem Grafitti an der Außenwand des Hauses zu machen, weil eine Person daneben steht, der man den Satz zurufen will und plötzlich macht es Sinn, wieder öfters in Kaffeehäuser zu gehen und in diese Galerie, die man bis jetzt gar nicht beachtete.

Abends dann viel Wein auf diversen Partys und all diese Gespräche über Blitz und Donner, über das Bleiben und das Gehen und all diese Momente, die man sich in das Futter des Mantels einnähen möchte, damit man sie immer bei sich tragen kann, wenn man nur möchte.

Der August wäre kein August gewesen, ohne L. und ohne C. . Ich möchte, dass sie das wissen.

Wie du verschwindest

Ich erinnere mich an dich beim Schneiden von Schnittlauch, beim Hören des Wortes Kopfbahnhof, an Sonntagen die sonnig sind. Ich erinnere mich an deine großen Hände, an die Tiefe deiner Stimme und das Zucken deines rechten Auges. An den kleinen Finger mit der Narbe quer über die Fingerkuppe, an deine tänzelnde Gangart, an das graue Haar zwischen all den schwarzen, an die ständige Frage nach dem Warum, an deine weißen Beine die du ungern zeigtest, an den Geruch deiner Haut frühmorgens, an den Klingelton deines Telefons, an den Titel deines Lieblingslieds und daran, dass du niemals Karaoke gesungen hast.

Ich sehe dich am Küchentisch sitzen, auf meinem Bett, im Park auf der grünen Bank, auf dem Fensterbrett, am Beifahrersitz neben mir, in der vorletzten Reihe links außen im Kino, hinter der Bar an langweiligen Dienstagabenden, unter dem Ahorn hinten im Garten, in der Ubahn, die Beine übereinander geschlagen, mir gegenüber, mit einem Lächeln im Gesicht, das selten aufhörte.

Ich gehe alleine vorbei an den Menschen, genauso wie wir es früher gemeinsam machten. Ich grüße sie und sie grüßen manchmal zurück. Ich blicke in der Obstabteilung im Supermarkt auf den leeren Platz neben mir, ich halte ein Mango hoch, so als würde ich sie dir zeigen wollen und lege sie dann in den Korb, sobald mir bewusst wird, dass der Platz nicht nur leer wirkt, sondern auch ist. Ich blicke dann beschämt zu Boden und eile weiter zu den Milchprodukten, wo ich immer noch Emmentalerkäse kaufe und später zuhause auf das mit Butter beschmierte Brot lege, sowie du das immer gemacht hast. Ich frage mich nicht, ob ich Emmentalerkäse eigentlich mag, ich frage mich nicht, ob ich wieder aufhören sollte Butter zu essen, ich stelle nicht in Frage, ob das Brot zu dick ist oder zu dünn. Ich kaufe den Käse, ich kaufe die Butter, ich streiche das Brot, ich stehe am Fenster und für ein paar Momente ist es so, als wärst du gar nicht weg.

Manchmal steht jemand in der Ubahn, der gleich lacht wie du, der die gleiche Hose trägt, dem ich auch genau bis zur Unterlippe reiche, der ein Wort verwendet, von dem ich mir sicher bin, du hättest es an der gleichen Stelle auch gesagt. Manchmal starre ich diese Person an und warte, bis sie es merkt und mich ansieht, damit dann das Gefühl aufhört, dass es wirklich du sein könntest, damit ich wieder weiß, dass es nur noch die Erinnerung ist, die einen anderen dir ähnlich macht, aber nicht mehr du. Nie wieder du.

Ich habe einen Pullover gefunden. Er lag hinter den meinen im Schrank. Ich konnte mich nicht erinnern, wann du ihn getragen hast und schon gar nicht, wie er dorthin gekommen ist. Ich legte ihn ausgebreitet auf den Boden und dachte dann daran, welcher deiner Pullover mir der liebste war, aber es fiel mir nicht ein und ich wurde ruhig. Ich dachte: vielleicht ist jetzt alles vorbei. Vielleicht verschwindest du endlich langsam und mit dir dieses unfähige Lächeln in meinem Gesicht, wenn andere von dir erzählen. Es weicht einer ausdruckslosen Miene, die mich an meinem Glas mit Weißwein nippen und später langsam die Schuhe anziehen und nach Hause gehen lässt.

Wenn ich dann morgens mit der immer noch gleichen Mimik vor dem Herd stehe und warte bis der Kaffee endlich kocht, dann bist du vielleicht immer noch ein wenig da, aber es ist vielleicht ist es auch endlich normal geworden, dass alles weitergeht, auch ohne dich und dass die Erinnerungen nicht mehr viel mehr sind, als diese alten Familienfilme, bei denen die Kamera erst angemacht wurde, als alle in Reih und Glied vor dem Schlosstor standen und dann auf Kommando wild in die Kamera winkten.

Diese Familienfilme, die man sich Jahre später zu Weihnachten ansieht und dann darüber spricht, wie wenig der Rock zu der Jacke passte und wie schlank die Mutter damals noch war, aber von denen niemand mehr weiß, wie es sich anfühlte an diesem Tag, vor diesem Schloss, mit diesen Menschen, die längst nicht mehr die gleichen sind.

(ein Kirschherz hat die) Omami

Neben dem Küchentisch meiner Großmutter hängt eingerahmt die Todesanzeige meines Großvaters an der Wand. Sie hängt dort bereits acht Jahre und noch immer irritiert mich diese Tatsache ein jedes Mal, wenn ich mich ihr gegenübersetze während sie die Hände gefalten auf den Tisch legt und mir Kekse anbietet, deren Ablaufdatum mit 80%iger Wahrscheinlichkeit in der Vergangenheit liegt.

Sechsundachtzig Jahre ist meine Großmutter inzwischen alt. Ihr Haar ist von einem silbernen Schimmer durchzogen und ihre Beine schwach. Seit letzter Woche hat sie Altersasthma, ich nehme an, sie wird viel husten, wenn ich sie das nächste Mal sehe, sie wird viel husten und sagen, dass alles immer schlechter wird und dabei die Schultern kurz heben und zum Abschluss „naja, was soll man machen“ sagen.

Meine Oma war schon immer eine Oma. Daran ändert das Foto auf meinem Schreibtisch nichts, dass sie am Tag ihrer Erstkommunion zeigt und auch nicht ihr Hochzeitskleid, das meine Eltern aus mir unerfindlichen Gründen in der Garage aufbewahren. Wenn sie davon erzählt, dass sie schon immer wusste, dass Opa der einzig wahre Mann für sie war, wenn ich mir die Fotos von ihr in einem zu großen Anzug, Ziehharmonika spielend vor dem Haus ansehe, dann ist es, als wären all das Geschichten, die sie sich für mich ausgedacht hat und ich liebe sie für jede einzelne. (Sowie für ihr Marillenkompott, ihre zu großen Brillen und die Art und Weise wie sie früher ihre Hühner rief.)

Mein Großmutter liebt Kirschen, Ribisel und Rotwein. Sie trinkt viel Kaffee, sie kann nicht Auto fahren und hat Österreich nie verlassen. Sie heißt Aloisia und auch Hedwig, aber das hat sie letztens vergessen und ich nahm kopfschüttelnd ihre Hände. Sie hat dann wirklich sehr gelacht.

Einfach so August

Es ist einfach so August geworden.  Man trinkt viel Kaffee und schaut aus dem Fenster. Am Samstag regnete es und es stürmte und die Fensterläden klapperten in der Nacht und am Montag lehrt man seinen Schülern das Wort „herbstlich“ und alle nicken.

Im Büro gegenüber sind die Menschen schon da, wenn man morgens aufwacht und sie gehen selten vor sieben Uhr abends. Sie tragen Anzüge und knielange Röcke, manchmal stehen sie am Fenster, immer tun sie das alleine und blicken auf die Straße. Auf die Straße, auf der abends kurz vor zehn ein Junge ein Mädchen küsst. Er hält dabei ihren Kopf in seinen Händen und danach sagt sie etwas, in einer Sprache die man nicht versteht, aber in einer Lautstärke, die die Wände der umliegenden Häuser hochklettert, hinein in die Wohnzimmer und herum um die Sessel und die Sofas, wo Menschen sitzen, die Kaffee trinken und wissen, dass es dafür eigentlich schon zu spät ist.

Der Satz und die Lautstärke, der Junge und das Mädchen, die Straße und der Kuss. Die Tasse in der Hand und der Wunsch, dass all das wahr ist und wahr bleibt, nicht nur in diesem herbstlichen August, in dem die Menschen immer noch in Donau springen, als wüssten sie nicht Bescheid.

Once I

Once I lived on a ship together with unnumerous old people. The old people ate a lot, they drank a lot and in the evening they danced to awful songs. None of the old people ever got bored. They played Solitaire on their little Laptops, they slept in the sun (one got sunburnt so bad, that they had to call the doctor), they were whispering about the people on the table next to them.

The window in my room was just above the water. I sat there and tried not to think. I didn’t suceed. I left the room and went upstairs. Two of the old ladies were sitting there and didnt move.

They didnt move for hours.

Da hab ich dich eingeladen

Während ich kurz nicht hinschaue, ziehen die Leute aus der Stadt. Die meisten lassen sich nördlich nieder und schon bald schreiben sie mir Karten auf denen sie vom vermissen sprechen, aber nie darüber, bald wiederzukommen.
Ich lege meine linke Hand auf mein linkes Knie und vor dem Fenster ist immer noch Sommer. Mein Hals schmerzt und meine Glieder auch, morgens erwache ich schweißgebadet. Und ich frage mich, was diese Wohnung für einen Sinn hat, wenn ich sie dir nie wieder zeigen kann.
Ich würde mich gerne töricht nennen, aber das würde nur der Wirklichkeit, nicht aber der Wahrheit entsprechen. Ich erzähle stattdessen vom Hund meiner Eltern, der angeblich angebunden an einen Baum gefunden wurde und einfach so Wendy heißt und blicke die Menschen dann erwartungsvoll an. 80% meiner Gegenüber sind einstimmig der Meinung, dass Wendy nur für Pferde oder Hasen als Name verwendet werden darf, 15% fragen ob es wenigstens ein Pudel ist, 3% ob der Hund aus Ostdeutschland kommt und eine Person sagte: Wendy? That’s my mother’s name.

Wenn der Himmel immer so blau bleibt, dann werde ich bald nicht mehr schlafen können und mich noch viel öfters fragen, ob eigentlich alle Käfer fliegen können und ob die Angst vor Spinnen tatsächlich von urzeitlichen Riesenkrabben kommt und warum all diese Fliegen immer diese Kreise in der Mitte dieses Zimmers fliegen.
Ich werde noch schlimmere Augenringe bekommen und noch öfters das Verlangen nach Eis verspüren, das ich dann doch nicht esse, weil es pickig ist und eigentlich nicht schmeckt.

Pickig war übrigens das erste österreichische Wort, dass ich vor Urzeiten D. bei unserem ersten Treffen beibrachte. Ich habe mir immer vorgestellt, es würde später eine große Bedeutung in unserer Beziehung haben. Ich lag falsch. Wir aßen damals Weintrauben und saßen zwischen Hecken vor dem Kunsthistorischen Museum. Wenn ich heute mit dem Rad dort vorbeifahre, sitzen da immer noch Leute, aber sie sehen mich nicht an und sie essen selten Weintrauben. Es irritiert mich, dass sie trotzdem glücklich wirken.

Zwei Jahre war ich im Sommer nicht in Wien und ich weiß jetzt wieder, dass dies Gründe hatte. Ich möchte ans Meer fahren, auf einer Almwiese liegen oder in Jagdsälen von ungarischen Schlössern essen. Sowie mit den Großeltern früher. Mit Oma und Opa und all den Verwandten, die Opa zu Omas 63. Geburtstag eingeladen hatte. Oma hatte geschimpft, dass das total lächerlich sei, dass es nicht mal ein runder Geburtstag wäre und Opa hatte geschimpft, dass Oma so undankbar sei. Es gab Schweinebraten in Ungarn. Vier Jahre später war Oma tot und Opa schon viel früher.

Seit einiger Zeit vergeht kein Schweinebraten, bei dem ich nicht an die beiden denken muss. Nicht im Sommer und nicht im Winter. Ich sehne mich dann manchmal nach den Menschen im Norden. Ich würde ihnen wirklich gerne davon erzählen.