This is me in 1964. It was a sunny morning and I had just left work to return home. I was wearing my favourite suit because of a talk I had to give to some students at university. I ironed the shirt myself for the very first time in my life. The black bag I was carrying was actually empty but it made me feel save to have it next to me and lift it up a bit everytime someone said hello to me or the other way round. After the speech the secretary gave me a piece of paper. It said: Your son called. He asks you to come home. I nodded and said: ‘I understand’ The secretary nodded as well. She knew that this was a lie. All the way home I was wondering what it might be. Had someone died, was someone pregnant, did the roof of the house collapse, did Marta finally return, did the horrible neighbours move out, was there an important document in the mail, did my son suddenly realize that I was right about much more than he wanted to admit?

This is me. It was a sunny morning, 11:20am. I was walking down a street where I once kissed a girl with a name that sounded like a promise. I was walking in front of a group of women who talked about the sea. I was walking by my favourite bakery and didnt buy anything. I was walking towards home where my son waited for me in the kitchen and said something I would never forget.

Wir nehmen Abschied
schon zum vierten Mal
zuletzt an dieser Straßenkreuzung
an der ich nicht mehr wusste
wie
man deinen Namen ausspricht
und der Mann neben uns in den Himmel zeigte

Davor
auf Seite 117
auf der du eingeschlafen bist
neben mir und stündlich sagtest
Alles geht vorbei

Davor
am Ende eines langen Tages
der sich wie ein Wunsch
durch die Jahreszeit zog
die ich längst nach dir benannte

Nicht zu vergessen
das erste Mal
da waren deine Augen noch blau
und meine so alt wie das Lied
das erklang
im falschen Moment

This is me in 1947. Still 35 years after I cut my foot with a piece of glass that was lying on the ground of the river behind my parents house I was frightened to get into any kind of water without my shoes on. My wife bought them for one of my birthdays. She wrapped them up in red paper and didnt smile when I unpacked them. My wife didnt smile a lot. Neither did I. I never thought about that till one Monday in the late 60s when we ate cake and she was wearing a green dress and I was wearing a green tie and I suddenly realized: its only pictures I remember. Not feelings. Not a single feeling at all. I looked at her and said: This cant be all. My wife bit on her lips and and left the table. I never felt so close to her like in this very moment.

In der Station Margarethengürtel verabschieden sich drei Gehörlose wild gestikulierend von ihren Freunden, die noch mindestens zwei Stationen weiter fahren. Sie stehen bereits am Bahnsteig und winken und werfen Kussmünder und erzählen sich einen Witz, der so lustig sein muss, dass ich beinahe neidisch werde und sofort auch Gebärdensprache verstehen möchte. Der alte Mann, er wirft seinen Oberkörper vor und zurück, die Frau neben ihm hält seinen Arm, auch sie lacht und antwortet etwas, das ein weiterer Witz zu sein scheint. Sie klopfen noch einmal an die Scheibe, ein weiterer Kussmund fliegt durch die Luft. Die Türen öffnen und schließen sich. Irgendwann fährt der Zug tatsächlich.

Der U-Bahnfahrer meldet sich nur Sekunden später zu Wort. Es ist dieser U-Bahnfahrer der einem gelegentlich während den Fahrten mit der U4 begegnet, der am Schottentor von den sibirischen Steppen erzählt, die sich in den hinteren Wagonen befinden, wenn sich ein weiteres Mal alle Studenten in den ersten Wagen zu pressen versuchen und einmal sagte er: „Dass das Einsteigen nach der Durchsage „Zug fährt ab“ verboten ist, gilt auch für den jungen Mann im dritten Wagon. Vielleicht ist er gerade auf dem Weg zum ersten Rendez-Vous oder besucht seine Großmutter, weil sie Namenstag hat, aber das ändert nichts daran, dass er bitte das nächte mal eine Minute früher am Bahnsteig stehen sollte oder mit vier Minuten Wartezeit klarkommen muss.“ Ich habe mich damals so schrecklich geschämt, nur weiß ich immer noch nicht, ob für den Fahrer oder den Mann.

„Sehr geehrte Fahrgäste“, sagt er diesmal, „wir alle wissen, dass Verabschiedungen schlimm sind, doch sollten wir auch, vor allem mit fortschreitendem Alter wissen, dass ein Hinauszögern solcher diese nicht einfacher machen. Ich bitte Sie, sich das das nächste Mal in Erinnerung zu rufen und danach zu handeln.“

Die Gehörlosen lachen noch immer, als er noch schnell eine angenehme Nacht wünscht, bevor er seine Stimme wieder in die Anonymität der Fahrerkabine zurückholt. Ich blicke sie an und schließe die Augen. Ich stelle mir vor, das U würde nicht für Untergrund, sondern vielleicht für Ukulele, Unwissen, Urlaub, Urknall oder auch uferlos, unsichtbar oder Umarmung stehen. Ich denke an das Wortspiel, man mir oft sagte und schrieb und das ich oft erwiderte, als ich für ein halbes Jahr auf der Insel wohnte, was im Endeffekt auch nichts anderes war als der Beginn eines Abschieds, der auch lange dauerte und nicht besser wurde, was aber ein Wissen ist, welches man erst in der Retrospektive erlangte, egal ob man  einer Gruppe Gehörloser angehört, U-Bahnfahrer ist oder knappe 23 und plötzlich nicht mehr weiß, was Heimat eigentlich bedeutet.  Als ich aussteige, habe ich das dringende Bedürfnis an die Scheibe des Zugfahrerabteils zu klopfen und ihn zu bitten, mich noch ein paar Stationen dort vorne mitfahren zu lassen. Ich würde versprechen, leise zu sein und mein Wundern für mich zu behalten, so wie mein Wissen, dass seine Nachricht zuvor nicht dort ankam, wo sie sollte, was aber dem Umstand keinen Abbruch tut, dass ich sie in meine Tasche gepackt habe und mit nach Hause nehme und vor dem Einschlafen noch einmal auspacke, dann in Reichweite neben die Matratze lege, bevor ich schlafe, tief und fest und von einem Heuboden träume, in dem ich einmal als Kind mir beinahe das Bein brach und die Anzahl der Katzenkinder die dort geboren wurde, die Anzahl meiner Finger bereits übertrumpfte, da war ich noch  nicht mal fünf.

Im Winter erinnerte mich die Schulter des Mannes an etwas das Bestand haben könnte. Vielleicht auch an etwas Rettendes. An etwas wie einen Leuchtturm samt Leuchtturmwärter, an einer stürmisches Küste. Vielleicht Irland und Atlantik. Vielleicht Neuseeland und Pazifik. Jedenfalls legte ich meine Stirn an sie und schlief tief und fest und morgens war einfach so ein neuer Tag und der Mann stand vor mir auf und auf dem Weg zur Arbeit begegnete er keiner Frau die auch nur im Ansatz so schön war wie ich.

Im Frühjahr dann war das schon nicht mehr ganz wahr. Da war es glaube ich nur noch ein Leuchtturm in der Nordsee oder im Indik und das ist wahrlich ein schiefes Bild. Niemand denkt an den Indischen Ozean, wenn er an Leuchttürme denkt und auch ich tat das nicht und vielleicht fingen damit die Probleme an die sich auch im Sommer nicht verflüchtigten sondern über die längst gekrümmten Rücken wuchsen und nachts dann zwischen einem schliefen, einen kurz kniffen im Tiefschlaf und morgens so taten, als wären sie an gar nichts Schuld. Als hätten sie eine Berechtigung da zu sein, als würden sie zu einem gehören und man zu ihnen. Und man glaubte ihnen so einfach, so einfach und viel zu lange.

Dann irgendwann Herbst, ohne Schultern, vielleicht noch mit dem Glauben an Leuchttürme, aber ein wenig verschwommen. Jedenfalls ohne Schultern oder zumindest ohne konstante. Auch egal. Der Herbst war gut, dennoch oder deswegen und manchmal saß man in der U-Bahn und sah aus dem Fenster vor dem immer alles richtig erschien und stieg trotzdem nicht aus. Man tanzte durch Nächte, man lag betrunken auf Ringelspielen, man blickte sich selten um.

Ich würde mein gesamtes Jahr gerne in Vergleichen erzählen, in denen lateinische Wörter und immer mindestens ein Körperteil vorkommt. Aber das wäre ziemlich albern, nicht nur, weil das Jahr noch nicht vorbei ist. So bleiben mir momentan nur diese Zeilen über Schultern und Ozeane an denen man schon viel zu lange nicht mehr war. In den letzten Wochen saß manchmal eine Person neben mir, an die gelehnt mein Kopf zur Ruhe kam und als diese das ein oder andre Wort in der richtigen Art und Weise betonte, da glaubte ich, dass wir von der gleichen Sehnsucht sprechen, wenn wir es versuchen würden. Ich muss ganz ehrlich sagen: in diesem Winter, in dem man die Schneemänner den Kanal hinunterrinnen sieht noch ehe sie geboren wurden, – in diesem Winter da reicht das aus um sich zu wundern, über die Liebe und das was dazu führen könnte.

Um 3. 20 geht dann das Licht aus. ‘Wir sollten schlafen,’ sagt Lorenz und ich nicke nur. Ich nicke und schaue dabei aus dem Fenster, vor dem ein Straßenlicht flackert. Zwei Sekunden lang ist es aus, vier Sekunden ist es an. Mein Kopf wird langsam schwer, meine Hände kalt.
Ich habe vergessen meinen dicken Schlafsack mitzunehmen und friere deswegen bereits bei dem Gedanken daran, mich auf den kalten Boden legen zu müssen. Die Flanelldecke, die Lorenz aus dem Nebenzimmer geholt hat, ist natürlich viel zu dünn. Ich wickle sie um meine Beine, ich klemme sie unter mein Kinn, ich puste davor warmen Atem hinein. Nichts davon hilft. ‘Lorenz?’ frage ich, ‘Darf ich näher rücken?’ Aber Lorenz antwortet nicht, sein Atem klingt unregelmäßig, ich glaube ihm nicht, dass er bereits schläft. ‘Lorenz?’ frage ich nochmals, aber immer noch regt er sich nicht. Also rücke ich einfach ohne seine Zustimmung ein wenig näher an ihn ran, achte darauf, ihn nicht zu berühren und starre noch ein wenig seinen Nacken an, bevor auch ich einschlafe, im Rhythmus der Straßenlaterne und dann immer ein wenig mehr.

Am Morgen weckt mich Lärm vor dem Fenster, ich schrecke hoch, ich weiß nicht wo ich bin. Lorenz schläft noch, er scheint sich die ganze Nacht nicht bewegt zu haben. Sein Nacken hat sich nicht verändert, sein Atem klingt jedoch gleichmäßiger als noch vor ein paar Stunden. Ich beschließe aufzustehen und tapse in die Küche, dort lasse ich das Wasser laufen, bis es warm ist, halte meine Hände darunter und beginne wieder zu warten.
Lorenz erwacht eine Stunde später, er ist mürrisch, er will Kaffee. Ich habe keine Münzen mehr bei mir, die Küchenschränke sind leer. Lorenz grummelt vor sich hin, ich sage: ‘Wir sollten weiterfahren.’ Aber Lorenz will das nicht hören. Er sucht seine Schuhe, um einen Geldautomaten zu finden und einen Kaffeeautomaten gleich dazu. Ich will ihm Dinge erklären, die ich glaube begriffen zu haben, ich will ihn abhalten mich in der Wohnung alleine zu lassen, aber das funktioniert beides nicht und Lorenz schnappt seinen Mantel und schließt die Tür ein wenig zu laut.

Zurück in dem Zimmer, in dem wir heute Nach schliefen, setze ich mich in eine Ecke. Meine Beine sind angewinkelt und meine kalten Hände liegen gefaltet auf den Knien. Gestern noch, waren sie warm, denke ich. Denke an den Zeitpunkt, knapp vierundzwanzig Stunden früher, als Lorenz in der Wohnungstür stand und mir Tempo machte. „Los, los,“ sagte er. Ich hatte mürrisch vor mich hingemurmelt, den Schal dann um den Hals geschlungen und war nach ihm die Treppen hinuntergestolpert. Unten wartete ein Auto mit einem griesgrämigen Mann am Steuer. Ich setzte mich auf die Rückbank, Lorenz auf den Beifahrersitz. Wir fuhren los und Lorenz drehte sich nicht zu mir um. Zu mir und der Tasche auf meinen Knien, auf denen nun meine Hände liegen. Gefaltet für ein Glaubensbekenntnis, gebenedeit ist dabei meine Zuversicht, die Lorenz bald aus allen Zimmern entgegen laufen wird. Trippelnd und weise.

Lorenz kommt zurück. Natürlich hat er keinen Kaffeeautomaten gefunden, natürlich ist er wütend. Er trinkt lauwarmes Wasser und steht am Fenster. Seine Haare hat er zusammengebunden, er sieht aus, als hätte er schlecht geschlafen, das erkenne ich, auch ohne in seine Augen schauen zu können. Wir warten nun beide, ich auf Lorenz und Lorenz auf etwas, das nicht passiert. Ich möchte ihn fragen, ob wir wieder nachhause fahren können, oder weiter, vielleicht ein Stück Richtung Osten, bis die Leute eine andere Sprache sprechen. Ich möchte mich an ihn drücken, ihm dabei die Schlüssel aus der Tasche stehlen und ihn damit abhalten, weiter zu warten und mich davon abhalten weiter zu warten.
Vielleicht könnten wir auch einfach die Wohnung verlassen und ein wenig durch die fremde Stadt gehen. Die Straße vor dem Haus hinunter, irgendwo gibt es bestimmt Frühstück, dafür laufe ich auch Gefahr, den griesgrämigen Mann nochmals zu begegnen. Ich würde mich dann verstecken, hinter Lorenz, der beim Gehen immer in die Ferne blickt, als würde das etwas ändern.

Jemand öffnet die Wohnungstür, Lorenz dreht sich um und hechtet durch das Zimmer, durch die Küche. Redet schnell mit dieser Person, für die ich keinerlei Interesse empfinde, die ich nicht sehen will und auch nicht verstehen. Lorenz redet und redet, manchmal lacht er und auch die andere Person lacht. Irgendwann wird es still und ich höre eine Tür sich schließen. Ich höre dann gar nichts mehr, aber sitze noch immer in der Ecke. Irgendwann werden wir wieder zuhause sein und Lorenz wird mir alles erklären, denke ich. Über den Boden läuft eine kleine Spinne, einen Moment überlege ich, sie zu zertreten und mache es dann doch nicht, sondern bleibe in der Ecke sitzen. Vor dem Fenster hat es angefangen zu regnen, die Decke wärmt auch tagsüber nicht. Ich glaube an Lorenz, die Zukunft, die Stille, in sie lege ich mein Gefühl.

„Komm, wir fahren,“ sagt Lorenz später. In der Küche höre ich Wasser laufen, jemand singt ein leises Lied. Ich blicke auf zu ihm und erhebe mich langsam. Lorenz sieht mir dabei zu, vielleicht sieht er auch durch mich hindurch. Er kommt mir ein paar Schritte entgegen und nimmt mir die Decke aus der Hand. Ich sage kein Wort, ich folge ihm in die Küche, dort steht eine junge Frau, die zu wenige Kleidungsstücke anhat, gemessen der Kälte. An ihrer Hüfte erkenne ich eine geschwungene Narbe, sie erinnert mich an einen Grashalm, an eine Brise, an etwas, das ich nicht benennen kann. Die Frau sieht mich an, ich blicke zurück, dann gehe ich zur Wohnungstür und schließe sie hinter mir.

Lorenz folgt mir zwei Minuten später, sein Haar ist nun offen und seine Laune besser. Bestimmt geht er vor mir die Treppen hinunter und ich folge ihm, versuche Gleichschritt mit ihm zu halten und wundere mich nicht, als wir wieder in das gleiche Auto steigen, wie auch gestern schon.
Lorenz macht das Radio an und das Auto setzt sich in Bewegung. Vor dem Fenster fliegt die Stadt vorbei, die Felder, ein Bach und ein Wald. Als wir nach Stunden zuhause ankommen, steige ich als erste aus und wünschte Lorenz wäre ein wenig verliebt, in ein Gefühl, eine Landschaft, eine Bewegung, in mich.

Lorenz begleitet mich bis zu Tür, dort verabschiedet er sich anständig und sagt: „Ich habe dir von ihr erzählt, erinnerst du dich?“ Und ich nicke lächelnd, nicke zu viel, nicke und lüge dabei, solange bis Lorenz auch nickt und sich umdreht, – die Treppen hinunter nimmt er nur jede zweite Stufe.

Ich glaube an Lorenz, meine zitternden Hände, seinen Stolz. Gesehen hat er mein Gesicht, gehalten nur mein Wort, gewidmet seien ihm diese Worte.

Und so gingen dann die Jahre durchs Land, Else starb in Brighton, Sophie wurde verrückt, Stephanie alt und langsam und ich kaufte einen Hund, den ich Pluto nannte.

Die Nichten und Neffen wurden Mütter und Väter,

sie zogen durch die Länder und schickten Karten zu Weihnachten, die sich einzig durch die Jahreszahl unterscheiden.

Ich verliebte mich noch ein einziges Mal in einen Mann der einen Namen hatte, als wäre er am Meer geboren und der auch im Alter nicht schrumpfte.

Wir lebten in einem Haus unweit des Waldes, wir tranken schwarzen Kaffee zum Frühstück und verwendeten nie Kosenamen. Er starb drei Jahre vor mir und auf all den Bildern,

die mir von ihm blieben, sieht man ihn kaum, als wäre er ein Gespenst, eine Fata Morgana und ich wünschte mir, als der Regen einsetzte und mein Herz aussetzte, dass dem wirklich so wäre und ich auch von den Fotos verschwinden würde und all das was von mir übrigbleibt nur noch eine Ahnung wäre, eine Ahnung und ein Versprechen, das alles einmal gut war.

[Ende]

Und dann kam der 26. Juni 1918. Der Tag an dem ich beschloss Robert ein letztes Geschenk zu machen und auf eines der Bilder die ich ausgearbeitet beim Fotografen abholte den Satz

„Meinem einzig lieben Schatzi von deiner dich ewig liebenden Addy“ schrieb. Es war ein warmer Tag und einige 100 Kilometer weiter starb gerade Peter Rosegger, von dem mein Vater sagte, dass er ihm einmal im Zug gegenüber gesessen war und Rosegger so getan hatte, als wäre er jemand gänzlich anderer.

Mein Vater.

Zeit seines Lebens erzählte er von den Begegnungen mit berühmten Menschen, die niemals jemand nachweisen, aber auch niemals jemand als Lügen enttarnen konnte. So hatte er sich  mit Arthur Schnitzler

an einem Herbsttag des Jahres 1904 im Café Rüdigerhof einen Tisch geteilt, es jedoch verabsäumt ihn anzusprechen. Der Herr Schnitzler war nämlich, so erzählte mein Vater gerne, sehr in die Korrekturen eines Textes vertieft und als im Herbst des selben Jahres „Das neue Lied“ in der „Neuen Freien Presse erschien“ hielt mein Vater aufgeregt einem jeden der es wissen wollte oder auch nicht, die Zeitung unter die Nase und erklärte, dass er leibhaftig dabei gewesen wäre, als Schnitzler jenen fertig stellte.

Ein ander Mal bestand mein Vater darauf, dass er Katharina Schratt

die gemeinsam mit einem Affen und einem Hund mit einer Kutsche vor ihrem Haus am Kärntner Ring ankam beim Aussteigen aus eben jener geholfen hatte. Der Affe hatte sich dabei an den Oberarm meines Vaters geklammert und war ihm später auf den Kopf geklettert, die Schratt hatte milde gelächelt und den Affen, den sie Waldi nannte, kurz auf den Hintern geklopft und als dieser immer noch keine Anstalten machte den Kopf meines Vaters zu verlassen nur entschuldigend mit den Schultern gezuckt.

Auch hatte einmal neben Theodor Herzl

im Burgtheater gesessen, wurde von Stefan Zweig

im Stadtpark gegrüßt und empfohl Alma Mahler

die Topfenschnitte im Café Central.

Er schüttelte Arnold Schönberg

die Hand, er beobachtete Adolf Loos

wie jener wiederum den Bau seines Hauses am Michaelerplatz beobachtete und war sich zu 90% sicher, dass das Ehepaar Schiele

bei einem Konzert im Musikverein nur eine Loge weiter von ihm saß.

Mein Vater, Sohn einer gutbürgerlichen Kaufmannsfamilie aus Böhmen, hat Wien in seinem ganzen Leben nie länger als drei Tage verlassen und war nie weiter als bis zum Semmering gekommen, trotzdem bezeichnete er sich Weltenbürger, nur musste die Welt eben nach Wien kommen, dort so mein Vater, wäre sie bei ihm zu jeder Tages- und Nachtzeit herzlich willkommen.

Das Foto überreichte ich Robert abends, als ich zum Essen in seinem Elternhaus eingeladen war, er nahm meinen Kopf in seine Hände und küsste mich auf die Stirn. „Wie gut wir es doch haben“, sagte er und ich blickte zu Boden und blickte danach wieder auf, lächelte kurz und weinte zuhause auf dem Boden sitzend, weil es nicht stimmte, weil Robert und ich es niemals mehr gut haben würden und er das eigentlich genauso wusste wie ich auch. Roberts Abreise war drei Wochen später, er reiste über den Landweg nach Frankreich von wo aus er nach England übersetzte und dort ein Schiff nahm, das ihn bis nach Argentinien brachte.

Noch fünf Wochen zuvor hatten wir einen Ausflug unternommen, waren unweit vor den Toren Wiens zusammen mit Else und Stephanie auf einen Fels gestiegen, von wo aus Robert den wunderschönen Ausblick gelobt hatte und Elsa dreimal tief ein- und ausatmete, während

unser Bergführer, den Robert uns als Friedl vorgestellt hatte und der direkt aus der Unterwelt kam, ich war mir dessen sicher, einige Meter unter uns in der Felswand Platz nahm. Während des etwas beschwerlichen Aufstiegs erzählte er ununterbrochen von seiner Familie, dem Bauernhof, den hübschen Kindern und der vielen Arbeit. Elsa hatte anders als ich einen Narren an ihm und seinem, wie sie sagte „entzückenden“ Akzent gefressen und schenkte ihm am Ende des Ausflugs eine weiße Schleife, die sie aus unerfindbaren Gründen in ihrer Tasche gefunden hatte und der Friedl wiederum schickte uns Jahre später ein Bild von seiner Familie und sich und vor allem von seiner Lieblingstochter, die jene Schleife wie eine Krone im Haar trug.

Auch ein mit Robert befreundeter Fotograf hatte uns begleitet und schoss von uns drei Schwester, wie wir ihn auf dem Felshaufen umringen ein Foto, das mir Robert zum Abschied schenkte.

Nichts weiter als dieses Foto schenkte er mir und ich stellte es auf meinen Sekretär neben das Foto meiner Eltern und jedes Mal wenn ich es in den folgenden Monaten und Jahren ansah, so wurde mir ein wenig traurig ums Herz und ich dachte an Argentinien und all die Steine, Robert in der Zwischenzeit dort sicher schon gefunden und benannt hatte und daran, dass ich es bereits von Anfang an wusste, dass er nicht wiederkommen würde.

Nachdem Else gestorben war und wir ihren Leichnam kostspielig zurück nach Wien schicken ließen, begruben wir sie an einem Samstag Vormittag auf dem Zentralfriedhof. Peter hielt eine flammende Rede auf die Schönheit und die Vergänglichkeit, jemand sang das Ave Maria und Sophie drückte meine Hand ohne Unterlass und wurde nach diesem Tag nie wieder froh.

Doch all dieses Unheil war noch nicht abzusehen, an jenem sommerlichen Tag im Mai 1913, an dem Else ihren Peter ehelichte und wir uns alle vor dem Eingang des Gasthauses zusammenfanden um ein Foto von dem Brautpaar und den zwanzig geladenen Gästen unserer Familienseite zu machen. Unter anderem hatte sich Vetter Albert,

der niemals aus dem Krieg zurückkam eingefunden, gemeinsam mit seiner Verlobten, die an diesem Tag, wie auch an den meisten anderen, so gut wie gar nichts sagte und von der niemand wusste, wo er sie kennengelernt hatte, ein Geheimnis, welches der gute Albert mit in sein Grab nahm.

Unsere Mutter war als eine der wenigen Frauen auf der Hochzeit nicht in weiß gekleidet, aus Trauer, wie sie erklärte, um ihre verlorene Tochter. Denn Peter, und daraus machte sie keinen Hehl, hielt sie für nicht standesgemäß, hielt ihn für einen Schürzenjäger, auch noch mit einem italienischen Nachnamen –Mazzani- und obendrauf der Else nicht intellektuell gewachsen. Dass der Peter einen Abschluss in Medizin hatte und bereits in der Praxis seines Vaters mitarbeitete, interessierte sie kein stückweit

und so hatte unsere Mutter ihre Hände den ganzen Tag über zu Fäusten geballt und tanzte nur ein einziges Mal, auf nachdrückliche Bitte meines Vaters. Jener wiederum hielt den Angetrauten meiner Schwester für einen herzensguten, wenn auch etwas tölpelhaften Menschen und schlug ihm immer wieder wohlwollend auf die Schulter, woraufhin Peter ein wenig eingeschüchtert lächelte und meine Schwester oft die Augen verdrehte. Frieda,

unser Nesthäkchen war gerade erst von einer Scharlacherkrankung genesen und hatte sich für das Foto hinter dem Brautpaar positioniert, auch sie lächelte wenig an diesem Tag und fühlte sich eigentlich noch zu schwach um Teil der Hochzeitsgesellschaft zu sein, aber all ihr Bitten und Flehen, gleich nach der Messe wieder zurück nach Hause gebracht zu werden, verhallten ungehört und so saß die kleine Frieda weinerlich an der Hochzeitstafel und aß gerade mal zwei Bissen von dem Hochzeitsbraten. Später am Abend fand ich sie auf den Stufen des Gasthauses vor und legte meinen Arm um ihre Schultern. „Das ist einfach nicht gerecht“, sagte sie, „wenn der Scharlach jetzt wieder kommt und ich daran sterbe, dann ist das alleine eure Schuld.“ Aber der Scharlach kam nicht wieder und aus der kleinen hypochondrischen Frieda wurde eine große hypochondrische Frieda, mit einem Abschluss in Mathematik und der Vorliebe für fremde Länder, welche sie im Alter von 27 Jahren als erste Person unserer Familie Australien bereisen ließ. Von ihrem Aufenthalt dort schrieb sie flammende Briefe an uns, schrieb „Was Glück ist, kann man erst begreifen, wenn man den Ayers Rock gesehen hat“ oder „nicht nur scheint die Sonne hier heller, nein auch das Gras ist grüner“ oder auch „Melbourne ist die Stadt für mich, die Wien niemals sein wird“. Zurück kam sie trotzdem, mit einem Herzen voller Fernweh und Geschichten, von denen sie noch ihren Enkelkindern erzählte und in denen bei jedem Mal ein Känguru mehr vorkam.

Auch von Peters Familie waren an die zwanzig Menschen geladen, ein Foto davon ging jedoch nie in unseren Familienbesitz über und so sind die Erinnerungen an jene Menschen zum Großteil ein wenig unscharf geworden mit der Zeit, nicht allerdings die Erinnerung an Robert,

einem entfernten Cousin des Bräutigams, der nach der Tafel plötzlich neben mir stand und mich zum Tanz aufforderte. Robert hatte braunes Haar und eine sehr aufrechte Haltung, er sprach mit einem leichten salzburgerischen Akzent und während des Tanzens flüsterte er mir „Ich beobachte Sie schon den ganzen Abend“ ins Ohr. Ich lachte peinlich berührt auf und biss mir daraufhin auf die Lippen, ich verkrampfte meine Finger in mein Kleid, als wir danach wieder Platz genommen hatten und als Robert meine Eltern um Erlaubnis fragte, mich ins Theater auszuführen, schloss ich die Augen und wünschte mich ans andere Ende des Saals. Meine Eltern stimmten hocherfreut zu, in meiner Erinnerung scheint es mir sogar der einzige Augenblick an diesem Tag gewesen zu sein, an dem meine Mutter kurz lächelte und so holte mich Robert, einige Tage später von meinem Elternhaus ab und geleitete mich ins Burgtheater, wo wir ein Stück, dessen Namen ich sogleich vergaß anschauten und doch eigentlich nur uns sahen. Robert hatte eine kleine Lücke zwischen seinen Vorderzähnen und rauchte ohne Unterlass, er erzählte von seinen Hunden und rezitierte an einer unpassenden Stelle Goethe, doch all das bemerkte ich nicht. Wir gingen später ein Stück gemeinsam den Ring entlang, ich erzählte Robert, dass ich gerne Schauspielerin geworden wäre, aber das Talent nicht ausgereicht hätte und Robert hielt mir seinen Arm hin, so dass ich mich unterhaken konnte und ich dachte tatsächlich für einen kurzen Moment, ich wäre die glücklichste Person auf der ganzen, weiten Welt.

[...]

Elsa betete auch zwei Wochen lang für gutes Wetter an ihrem Hochzeitstag. Ein Wunsch der ihr ausnahmsweise erfüllt wurde, anders als der Wunsch vierfache Mutter zu werden, einen Garten voller Apfelbäume zu besitzen und irgendwann einmal Amerika zu sehen, denn Elsa starb zehn Jahre nach dem sie Peter geehelicht hatte. Überfahren von der ersten elektronischen Straßenbahn Europas lag sie an einer Kreuzung in Brighton, ihre Augen starr nach oben gerichtet, Blut im Haar und an den Händen und mit gekrümmten Beinen.

Neben ihr stand  weinend und händeringend der Fahrer der Straßenbahn, ein gewisser James Cornelly,

seines Zeichens Vater einer Tochter und eines Sohnes, Ehemann seit seinem 19. Lebensjahr

und ab diesem Tag nicht mehr im Stande seinen Beruf noch länger auszuüben und stattdessen dem Untergang durch übermäßigen Alkoholkonsum geweiht, der ihn den zweiten Weltkrieg nicht mehr erleben ließ und auch nicht die Geburt seines ersten Enkelkindes, – ein Junge, mit rundem Gesicht und bereits drei Zähnen noch bevor er das Licht der Welt erblickte.

 

Elses Tod bedeutete das Ende eines Familienurlaubs, der gut begonnen hatte.

Noch am Vortag saßen wir gemeinsam mit unserer Base Stephanie und deren Mann und den Kindern (Elsas Töchter Sophie und Aloisia, Stephanies Söhne Heinrich, Franz, Karl, Joseph und Ferdinand, sowie ein entfernter Cousin namens Georg, der seit seiner Kindheit an Asthma erkrankt war und auf Anraten seines Vaters sich unserem Seeurlaub angeschlossen hatte) gemeinsam am Strand von Brighton und ließen ein Foto für die zuhause Gebliebenen machen. Wir Frauen trugen Hüte, die wir nur wenige Tage vor unserer Abfahrt in Wien gekauft hatten und Ferdinand, der auf Grund einer Sonnenallergie unablässig nieste, saß unglücklich zwischen seinen Brüdern und Cousinen im Sand und machte ein Gesicht, als wäre das gesamte Unheil der Erde in diesem Moment über ihn hereingebrochen. Else versuchte ihn mit Geschichten über das Meer aufzuheitern, sie erklärte ihm, dass darin ein Schatz liegen würde, den man abends, wenn die Sonne untergeht glitzern sehen könnte, aber Ferdinand hatte daran kein Interesse, sondern rieb sich schlecht gelaunt seine Nase, bis Aloisia seinen Arm nahm und so sicher stellte, dass zumindest auf dem Foto sein blondgelockter Kopf zu sehen sei.

Später haben wir oft über den Tag gescherzt, haben gemeint, die Sonne damals in Brighton und was sie mit Ferdinand anstellte, wäre der Auslöser für seine spätere Obsession mit Schirmen gewesen. Wäre der Grund, warum er, bald nach Beendigung seiner Schullaufbahn in den Aufbau einer Regen- und Sonnenschirmfabrik investierte, welche er bis zu seinem Tod leitete. Nie sah man Ferdinand ohne Schirm das Haus verlassen und nie gab es ein anderes Geschenk für irgendjemanden von uns, außer einen weiteren Schirm. Unter der Woche ging er mit vor Stolz geschwellter Brust in seiner Fabrik auf und ab und am Wochenende grübelte er über den Entwürfen für das erste faltbare Schirmmodell, welches er schließlich 1928 als Patent anmeldete und nach seinem Bulldoggen „Knirps“ benannte.

 

[...]

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